Der heimliche Kaiser

Der heimliche Kaiser

Heut will ich mich krönen mit Scepter und Kron’
Von Pfirsichblüt’ Und Narzissen
Heut salb’ ich mein Haupt und besteige den Tron
Von schwellenden Bergmooskissen.
Der Aether leuchtet im Krönungssaal,
Es blitzen die taufrischen Reiser.
Ich hebe die Hand über Berg und Thal,
Ich bin ja der heimliche Kaiser.

Eines Silbermantels ansflimmernde Pracht
Gießt der Morgenstrahl um die Glieder,
Zwei Kaiserfalter in Scharlachtracht
Schweben hoch nnd senken sich nieder.
Der bärtige Fichtenfürst neben mir
Ist mein Kanzler, mein grüner und greiser,
Ich gönn’ ihm die weiße, die würdige Zier,
Ich bin ja der heimliche Kaiser.

Ich habe die dunklen Gewalten besiegt,
Die Feinde drinnen nnd draußen.
Der Erbfeind liegt mir zu Füßen geschmiegt
Nach tosenden Streiten nnd Straußen.
Ihr schwarzen Sünden, du fressende Reu,
Wie winselt ihr leis’ und leiser!
Ich streich’ euer Schlangengelock ohne Scheu,
Ich bin ja der heimliche Kaiser.

O Freiheitswonnen auf einsamer First
Der thälerkrönenden Forste,
Wo du, o Schwert meiner Freude, klirrst,
Wo adlerherrlich ich horste!
Ein klarer Weltsee, lächelt mir tief
Meiner Leidenschaften Geyser,
Ich schreib’ einen großen Begnadigungsbrief,
Ich bin ja der heimliche Kaiser.

Es atmet der Tann, und das Eichhorn schwingt
Sich knackend über die Kronen,
Das süßverliebte Vöglein singt:
“Schatz, laß mich bei dir wohnen!”
Goldkäfer schmeichelt mir weich ins Ohr:
“Prinz Vogelfrei, du Weiser!”
Ich wirble mein Blütenscepter empor,
Ich bin ja der heimliche Kaiser.

Der Morgenwölkchen schneeweißer Flaum
Errötet ob meiner Größe,
Der Gießbach über mir schleudert den Schaum,
Der Wind, noch eben hörbar kaum,
Wirft jauchzende Wogenstöße.
Es braust durch die Tiefen, es schwillt in der Höh’
Das Heer meiner Jubler und Preiser,
Ein majestätisches “Evoe!”
Rollt von den Alpen zum funkelnden See:
Hoch lebe der heimliche Kaiser!

Zwischenspiel, Zürich 1894, S. 3-5. Online