Der Pessimist

Der Pessimist

Die Sonne scheint, die linden Winde fächeln,
Mich aber soll’n sie nicht noch einmal ködern,
Ich hab’ es satt, zu lieben nnd zu lächeln,
Und mich zu schmücken mit erborgten Federn.

Zu lange schon bin ich ein Kind gewesen,
Gefoppt durch der Verstellung Winkelzüge;
Im Buch der Weisheit lernt’ ich endlich lesen:
Das Sein ist Nichts und Alles — Alles Lüge.

Was faselt ihr von rosenrothen Freuden
Im Frühlingsblüthengarten dieser Erde?
Die Viper der Natur seh’ ich vergeuden
Ihr widrig Gift mit grinsender Geberde.

Für diesen Dreck — mir krampft’s die Brust zusammen —
Was flammt ihr noch zu rischer Glut, ihr Thoren?
Erwürgen möcht’ ich meine kargsten Flammen
Und wollt’, ich wäre nie zur Welt geboren.

Geboren werden, altern und verderben —
Daß doch die Pest das bischen Sonne hole!
Des Lebens Rettungsanker ist das Sterben,
Sein Füllhorn du, barmherzige Pistole!

Amselrufe, Zürich 1890, S. 13-14. Online