Deutsches Lied

Deutsches Lied

(Meinem lieben hannoverschen Landsmann Karl Schulenburg
in Detroit, Amerika, gewidmet.)

Ich bin ein Wand’rer in der Weite
Von Land zu Land, von Haus zu Haus,
Ich bin der Freiheit hold nnd breite
Von Meer zu Meer die Flügel aus.
Zur Seite zieht mir heimattraut
Das deutsche Lied, der deutsche Laut.

Ich bin der Wahrheit meiner Ahnen,
Dem kühnen Sinne sonder Reu,
Ich bin dem Geiste der Germanen,
Dem grenzenlosen Deutschland treu.
Des Unrechts Haß, des Rechtes Wohl
Das ist mein Paß von Pol zu Pol.

Ich bin vom Gangastrom gestiegen
Zur Weser und zum grünen Rhein,
Der Brüder Elend zu besiegen,
Soll meines Lebens Losung sein,
Tod aller Noth und Tyrannei
Mein Aufgebot und Feldgeschrei.

Im Völkerhain möcht’ ich als Buche
Voll Frühlingslaub der Liebe stehn,
Daß Kraft in meinem Schatten suche
Die müde Welt zum Weitergeh’n.
Die Drossel singt so süß vom Baum,
Die Quelle klingt und grüßt im Traum.

Stolz schreitet Schiller lichtumflossen,
Mild lagert Goethe leuchtend jung,
Auf Veilchen lächelnd hingegossen
Lauscht Heine, wie die Amsel sung.
Sie singt so hell in’s tiefe Thal:
Es springt ein Quell für alle Qual.

Diorama, Zürich 1890, S. 261-262. Online