Die Braut

Die Braut

Im Frühling,
Im Frühling,
Da wird es geschehn!
Wenn auf sonnigen Matten
Die Blumen sich gatten,
Hochschwellende Brunst
Die Drossel lehret des Liedes Kunst,
Wenn die weichen Lüfte
Durchs Fenster wehn
Und Rosendüfte
Durch’s Brautgemach gehn,
Wenn gebrochen vom Lenzsturm des Eises
Jungfräulich aufächzender Bann,
Wenn die Bäche sich üppig ergießen,
Dann darf ich genießen, genießen
Den herrlichen Mann…
An meinem Nacken
Sein blasses Haupt,
An meinem Herzen
Sein edles Herz,
Stirbt Leid und Verdruß
In stürmischem Kuß,
In unserer Wonnen
Ueberfluß.
Entgegenjauchzet mein Leib ihm,
Mein Busen, wie keuchst du schwer!
Noch schlummert der Schnee im Garten,
Und ich kann’s nicht erwarten,
Gott, kann’s nicht mehr…

Amselrufe, Zürich 1890, S. 6. Online