Die Männer von Chicago

Die Männer von Chicago

Als die Grauenpost nun ward vernommen,
Ist ein Sturmkrieg über mich gekommen.
Meiner Seele Krater hat gebebt,
Wie wenn Erdstoß eine Welt begräbt,
Wie wenn Wogen himmelhoch sich bäumen,
Dunkle Meeresriesenrosse schäumen,
Chaosaufruhr über’s All’ hinfährt,
Bleich vor Scham das Universum gährt…
In die Einsamkeit bin ich entronnen,
Brennend stürzten meiner Thränen Bronnen,
An die Stirnwand schlug des Schmerzes Hammer.
Heiß umgluthet’ mich der Menschheit Jammer.
Rother Scheiterhaufen loht’ empor,
Knistert’, prasselt’ und umdroht mein Ohr:
Sieh’, am Galgen hängt dein Ideal,
Nun versengt dich deines Herzens Qual.
Brenne, brenne, bis zur Asche brennt
Deine Richtigkeit im Element!
Brenne, brenne, bis zu Staub verascht
Deine Flüchtigkeit, die hascht nnd nascht!
Brenne, brenne, bis zerflockt zu Dust
Deiner Wichtigkeiten Thorenlust!
Siehe! Männer schritten in den Tod;
Für die Menschheit litten sie den Tod.
Weil am Unrechtsgalgen sie gerüttelt,
Hat zum Galgen sie das Recht gebüttelt.
Weil gelockert sie des Unrechts Strick,
Schlang das Rechtsstrick sich um ihr Genick;
Weil am Hals gepackt des Unrechts Hecht,
Hat erdrosselt sie des Henkers Recht.
Siehe! Helden haben triumphirt
Ueber eine Masse, tief verthiert.
Mit dem Muthe der Unsterblichkeit
Haben sie sich selbst dem Tod geweiht.
Mit dem Stolze, der der Gnade lacht,
Haben sie zum Opfer sich gebracht.
Mit der Würde, die die Wahrheit spendet,
Haben sie ihr irdisch Loos vollendet.
Siehe! was dein Auge schaudernd sah,
Ist ein Goldmordgalgengolgatha.
Ihre Gräber werden schweigend schrei’n,
Zukunftszeiger wird ihr Galgen sein;
Ragen wird er aus der Nacht der Schmach
Riesig in der Freiheit Sonnentag! — —

Diese Zeilen werden stehen bleiben
Und sich in das Lied der Menschheit schreiben.

*) Wo ist der Shakespeare, der diese zermalmendste nnd er-
hebendste Tragödie unserer Zeit würdig gestaltet? Wo ist der große
dichterische Rachegenius der vom Kapitalismus gemordeten Erkennt-
nißblutzeugen?

Diorama, Zürich 1890, S. 11-12. Online