Frau Finkenstein und ihre Tochter Eva

1888

Frau Finkenstein an ihre Tochter Eva

Höre, Kind, und lass dir sagen,
Was zu dir die Mutter spricht:
Einen Namen sollst du tragen.
Einen Namen von Gewicht!
Herr von Prittwitz-Prattwitz-Prottwitz —
Warb vertraut um deine Hand,
Dem die Kittwitz-Kattwitz-Kottwitz,
Hörst du? Kottwitz! — stammverwandt.

Und vernimm, was ich dich lehre!
Wisse, Tochter, solch ein Mann
Ist die allergrösste Ehre,
Die uns widerfahren kann.
Alter Adel — welche Wonne!
Blaues Blut — nun wird es dein!
Herrlich strahlt des Glückes Sonne
Ueberm Hause Finkenstein.

Eva, Eva — lass’ dich preisen,
Zogst du doch ein grosses Loos,
ln den allerhöchsten Kreisen
trägt man nun dich auf dem Schooss,
Der Gesellschaft stolze Spitzen
Küssen — Evchen! — Dir die Hand,
Deine Diamanten blitzen
Weit hinaus ins Vaterland.

Keiner fragt, was wir gewesen,
Wenn der Herr uns so erhöht,
Dass im Winkel hinterm Tresen
Tüten, Tüten wir gedreht.
Keiner fragt, wie wir geworden.
Was wir Gott sei Lob nun sind.
Vor dem Glanze unsrer Orden
Werden alle Eulen blind.

Was verziehst du so dein Mäulchen?
Dass nicht jung mehr der Gemahl?
Ach, du bist ein kindlich Veilchen —
Dass sein Witz ein wenig schal?
Geistreich strömt’s von allen Seiten
Für superbe Kost dir zu —
Kleinigkeiten, Kleinigkeiten!
Welch’ ein dummes Ding bist du!

So, jetzt lass’ ich dich alleine —
Prottwitz bleibt nach dem Souper;
Du verstehst wohl, was ich meine?
Sprich nur Ja — Noch mal: o jeh?!
Seufzer sind hier überflüssig,
Lass doch den Poetenkohl!
Dein Papa und ich sind schlüssig,
Das genügt Dir. Lebe wohl!

1890

Frau Finkenstein an ihre Tochter Eva

Höre, Kind, und lass dir sagen,
Was zu dir die Mutter spricht:
Einen Namen sollst du tragen.
Einen Namen von Gewicht!
Herr von Prittwitz-Prattwitz-Prottwitz —
Warb vertraut um deine Hand,
Dem die Kittwitz-Kattwitz-Kottwitz,
Hörst du? Kottwitz! — stammverwandt.

Und vernimm, was ich dich lehre!
Wisse, Tochter, solch ein Mann
Ist die allergrösste Ehre,
Die uns widerfahren kann.
Alter Adel — welche Wonne!
Blaues Blut — nun wird es dein!
Herrlich strahlt des Glückes Sonne
Ueberm Hause Finkenstein.

Eva, Eva — lass’ dich preisen,
Zogst du doch ein grosses Loos,
ln den allerhöchsten Kreisen
trägt man nun dich auf dem Schooss,
Der Gesellschaft stolze Spitzen
Küssen — Evchen! — Dir die Hand,
Deine Diamanten blitzen
Weit hinaus ins Vaterland.

Keiner fragt, was wir gewesen,
Wenn der Herr uns so erhöht,
Dass im Winkel hinterm Tresen
Tüten, Tüten wir gedreht.
Keiner fragt, wie wir geworden.
Was wir Gott sei Lob nun sind.
Vor dem Glanze unsrer Orden
Werden alle Eulen blind.

Was verziehst du so dein Mäulchen?
Dass nicht jung mehr der Gemahl?
Ach, du bist ein kindlich Veilchen —
Dass sein Witz ein wenig schal?
Geistreich strömt’s von allen Seiten
Für superbe Kost dir zu —
Kleinigkeiten, Kleinigkeiten!
Welch’ ein dummes Ding bist du!

So, jetzt lass’ ich dich alleine —
Prottwitz bleibt nach dem Souper;
Du verstehst wohl, was ich meine?
Sprich nur Ja — Noch mal: o jeh?!
Seufzer sind hier überflüssig,
Lass doch den Poetenkohl!
Dein Papa und ich sind schlüssig,
Das genügt Dir. Lebe wohl!

1902

Frau Finkenstein an ihre Tochter Eva

Höre, Kind, und lass dir sagen,
Was zu dir die Mutter spricht:
Einen Namen sollst du tragen.
Einen Namen von Gewicht!
Herr von Prittwitz-Prattwitz-Prottwitz —
Warb vertraut um deine Hand,
Dem die Kittwitz-Kattwitz-Kottwitz,
Hörst du? Kottwitz! — stammverwandt.

Und vernimm, was ich dich lehre!
Wisse, Tochter, solch ein Mann
Ist die allergrösste Ehre,
Die uns widerfahren kann.
Alter Adel — welche Wonne!
Blaues Blut — nun wird es dein!
Herrlich strahlt des Glückes Sonne
Ueber’m Hause Finkenstein.

Eva, Eva — lass’ dich preisen,
Zogst du doch ein grosses Loos,
ln den allerhöchsten Kreisen
trägt man nun dich auf dem Schooss,
Der Gesellschaft stolze Spitzen
Küssen — Evchen! — Dir die Hand,
Deine Diamanten blitzen
Weit hinaus ins Vaterland.

Keiner fragt, was wir gewesen,
Wenn der Herr uns so erhöht,
Dass im Winkel hinterm Tresen
Tüten, Tüten wir gedreht.
Keiner fragt, wie wir geworden.
Was wir Gott sei Lob nun sind.
Vor dem Glanze unsrer Orden
Werden alle Eulen blind.

Was verziehst du so dein Mäulchen?
Dass nicht jung mehr der Gemahl?
Ach, du bist ein kindlich Veilchen —
Dass sein Witz ein wenig schal?
Geistreich strömt’s von allen Seiten
Für superbe Kost dir zu —
Kleinigkeiten, Kleinigkeiten!
Welch ein dummes Ding bist du!

So, jetzt lass’ ich dich alleine —
Prottwitz bleibt nach dem Souper;
Du verstehst wohl, was ich meine?
Sprich nur Ja — Noch mal: o jeh?!
Seufzer sind hier überflüssig,
Lass doch den Poetenkohl!
Dein Papa und ich sind schlüssig,
Das genügt Dir. Lebe wohl!

Amselrufe. Neue Strophen, Zürich 1888, S. 29-30. Online
Amselrufe, Zürich 1890, S. 29-30. Online
Aus meinen Gedichten, Zürich, Leipzig, Berlin 1902, S. 28-29. Online