In die Rumpelkammer

In die Rumpelkammer

Wie die schwarzen Blätter im Frühlingswinde
Von den saftigen Zweigen der jungen Linde,
Fiel von mir Gott und Schuld und Sünde.
In die Bettlerrumpelkammer hinab
Warf ich den morschen Stecken und Stab,
Warf den trockenen Rinden-Sack,
Schimmliges Schuld- und Sündenpack,
Reinigte mich im Schwefelbade
Von dem Aussatz seliger Gnade,
Nahm ein Hemd, in dem Sonnenscheine
Weltlicher Lüfte gebleicht,
Das mir Gudrun, die dienend feine
Wäscherin Wahrheit gereicht.

Und nun wandl’ ich durch holde Auen,
Ueber Abgründe voller Grauen,
Ohne gläubig gen Himmel zu schauen.
Erd’ und Aether durchmißt mein Blick
Und der Menschheit weites Geschick.
Was mein Herz mir zusammenkrampft,
Wird im Mörser der Noth zerstampft.
Nimmer vom Wahne der Reue gemeutert,
Meine Seele sich schmerzlich läutert.
Gigt’ge, gesunde, geschmacklose Früchte
Pendelt Natur vor meinen Mund,
Nilpferde, Kühe und Otterngezüchte
Hausen auf sausendem Erdenrund.

Diorama, Zürich 1890, S. 78. Online