Mein Lied

Mein Lied

Ich bin kein gotterkorener,
Kein himmlischer Prophet,
Ich bin ein staubgeborener,
Ein irdischer Poet.
All meines Geistes Glut
Ist Menschenhirn und -Blut,
In meiner Mutter Schooß
Keimt’ auf mein Dichterloos;
Ich bin kein Sterngesendeter,
Kein Engel aus der Höh’,
Ich bin ein Unvollendeter
In Wonnen nnd im Weh.

Vom Vater trotzig-schweigender,
Von Mama weicher Sinn,
Vom Ahnen liedergeigender
Poet ich worden bin.
Beim ersten Liebeshauch
Tönte die Seele auch,
Leicht aus dem Kopfe schwang
Sich eig’ner Rhythmen Klang;
Ach in der Heimat brausenden
Eichwäldern irrt’ ich gern,
Im Föhrenhain, dem sausenden,
Träum’ ich von Glück nnd Stern.

Ich bin ein schwertgegürteter
Vorkämpfer in der Schlacht,
Jch bin ein zartbemyrtheter
Spielmann auf stiller Wncht.
Ptotzt die Verlegenheit,
Bin ich zum Hieb bereit,
Licb’ ich ein süßes Kind,
Wind’ ich ein Angebind;
Kein Wahn von himmlisch blinkender
Unsterblichkeit mich narrt,
Ich bin ein zukunftwinkender
Poet der Gegenwart.

Amselrufe, Zürich 1890, S. 1-2. Online