Monblanc-Prozess

Monblanc-Prozess
(Ein „Geschworener“ spricht:)

Rochat schuldig? Welche Frage!
Kann ein Rochat schuldig sein?
Auf des Rechtes gold’ner Waage
Schnellt empor der Lump allein.

Recht und Ehre liebt der Gute,
Schwellen nur die Aktien schön;
Traurig wäre mir zu Muthe,
Müsste Rochat betteln geh’n.

Unser Recht hat freigesprochen!
Waadt ist gross und Bern ist weit.
Ewig, ewig unbestochen
Waltet die Gerechtigkeit.

Lass der Opfer Brandmal brennen!
Der Direktor ist nicht schlecht.
Mögen Braut und Mütter flennen!
Dividenden haben Recht.

Geht mir das Gewissen pleite,
Blüht doch mein Verwaltungsrath.
Gold’ner Gott, steh‘ mir zur Seite,
Schirm‘ das Recht im Kanton Waadt!

Nebelspalter, 18. Jahrg., 12. November 1892, Nr. 46, S. 1. Online

Bei der Kesselexplosion des Dampfers „Montblanc“ am 9. Juli 1892 kamen 26 Menschen ums Leben. In der Folge wurde gegen dern Präsidenten Roche der Dampfschiffgesellschaft, „eine besondere Freundin hoher Dividenden“, wie die Presse bemerkte, Anklage erhoben. Bei einem Geschworenenprozess im Oktober 1892 wurde er dann aber freigesprochen. Der Freispruch sorgte in weiten Kreisen für grosse Entrüstung.

Ein ironisches Gedicht zum Vorfall aus der Sicht des Dampfers als Schuldigem erschien im St. Galler Volksblatt.

Der Dampfer Mont-Blanc

Bin ich doch ein schlechter Sünder,
Daß ich so vergaß die Pflicht
Und so Schreckliches verübte,
Wie’s erwiesen vor Gericht.

Achtundzwanzig sind gestorben,
Da der Dampf den Kessel brach,
Ahnungslos zur Mittagsstunde —
Und mich trifft dic ganze Schmach.

Lange war ich schon verrlottert
Und mein Kessel desparat,
Innen rostig und voll Risse
Und zerfallen Niet und Naht.

Der Direktor kam fast täglich,
Visitirte mich genau.
Ich vergaß es, ihm zu sagen;
Ach, ich war zu wenig schlau!

Rochat hätt‘ es gleich verbessert;
Denn er ist ein braver Mann,
Der den Leichtsinn und die Faulheit
Nie und nimmer leiden kann.

Und dann schrie die wilde Meute,
Rochat sei an Allem schuld;
Doch zu Lausanne weise Richter
Zeigten Achtung ihm und Huld.

Und der Staat bezahlt die Kosten;
Nicht ein einz’ger kommt in’s Loch.
Mag man ärgern sich und schimpfen,
Wie’s gesprochen, bleibt es doch.

Reine Unschuld zu beschützen,
Wie bei Zürich-Mönchenstein,
Ist der Thaten allerschönste
Und bringt Segen und Gedeih’n.

Lasset nun auch mich bereuen,
Bin zu jeder Buß bereit.
Gebt mir einen neuen Namen,
Taufet mich „Gerechtigteit.“

St. Galler Volksblatt, 37. Jahrg., 29. Oktober 1892, Nr. 87, S. 1. Online