Nachts um die zweite Stunde

Nachts um die zweite Stunde

Was nützt’s, den Docht emporzuschrauben
Wenn das Petroleun ausgebrannt?
Ein jeder Schriftzug foppt die Hand,
Und bald muß ich an’s Dunkel glauben.
Wenn ich nur früh genug erwache —
Die Mitternacht schlich längst vorbei —
Und meinen Aufsatz fertig mache,
Wie Cicero zu preisen sei!
Welch öder Firlefanz!
Nüchterner Mummenschanz!
Da hat man mit vergilbten Phrasen
Sich Stund’ um Stunde abgemüht,
Die eig’ne Welt wie fortgeblasen,
Die fremde auch nicht anfgeblüht;
Zum Heil dem grauen Schlendrian
Die schöne Zeit mit Nichts verthan.
Wie gähnt mich grenzenlose Leere
Aus diesen Redensarten an!
Zu eines seichten Schwätzers Ehre
Wie man doch klassisch lügen kann!
Mir scheint, wenn ich es recht erwäge,
Wie wenn ich Herz und Hirn zersäge,
Aushöhle all mein junges Mark
Mit dem verfluchten Phrasenquark.
Ja, wär’ es einzig dieser Fetzen,
Herbaumelnd aus zerfall’ner Zeit,
Man möchte sich noch dran ergötzen,
Doch soll ich all den Wahnsinn schätzen,
Aufbäumt der Geist sich mir und schreit.
Das ist ein Plunder
Ohne Gleichen!
Wer wird den Zunder
Der Zerstörung reichen?
Soll das Verderben fressend immer weiter schleichen?
Was hab’ ich nun in diesen Jahren
Gelernt, gesehen und erfahren?
Zu welcher Stufe klomm der Geist,
Daß für das Leben
Der Schule Frucht sich endlich reif erweist?
Das Herz im Busen fühl’ ich mir erbeben.
Mit all’ den Zahlen, Formen, Regeln
Soll ich durch Wind und Wellen segeln?!
Ich hör’ die Welt da draußen branden,
Ein Schauder fährt mir durchs Gebein,
Ein blinder Schiffer muß ich stranden,
Will ich nicht purer Ballast sein.
Wohl lernt’ ich im Abstrakten schweifen,
Doch nimmer Wirkliches begreifen,
Die Sinne, ungeübt, erschlafft,
Verloren längst Geschick nnd Kraft,
Und kläglich klein ist meine Wissenschaft.
Zwar kann ich Roms Monarchen haspeln
Von Cäsar bis Augustulus
Und ciceronisch Süszholz raspeln
Zum Ueberdruß,
Zwar kann …. ich konjugiren,
Am Schnürchen rattr’ ich’s nur so hin,
Doch muß ich mich vor mir geniren,
Frag’ ich mich einmal, wer ich bin.
In manchem Schmöker mußt’ ich lesen,
Drin schwarzer Tod die Lettern nur,
Vernagelt ist mir stets gewesen
Das Buch der schaffenden Natur.
Dem dürstend aufgethanen Sinn
Warft Ihr nur taube Hülsen hin,
Und nach dem Brunnquell geistigen Lebens
Hab ich geschmachtet, ach, vergebens.
Ich mache Euch ein brav Examen
Und rede noch zum Publikum,
Den eingelad’nen Herrn nnd Damen,
De regibus Macddonum
Und bin ja doch — in Gottes Namen! —
So über alle Maßen dumm.
Nichts trag’ ich ans der Schule fort,
Nur meine Jugend — lass’ ich dort.
Gepfropft mit Reisig der Verstand;
Des Geistes Glut, des Herzens Liebe,
Die Schossen all’, die grünen Triebe,
Die Luft zur That, des Sehnens Brand,
Geraubt mit kalter Mörderhand.
O weh, bei dem, was schön und wahr,
Bei Jener, die mich schwer gebar,
Bei meiner Mutter Lieb’ Und Treu,
Dir fluch’ ich, Schule, sonder Reu,
Die meiner Jugend Feierkleid
Mit dürrer Bettelfaust zerfetzt,
Die meine gährende Heiterkeit
Mit der Ermattung Gift zersetzt;
Die den emporgereckten Sinn
Zum Kleinlichen herniederzwang,
Ich fluche dir, Zerstörerin,
Ich fluche dir mein Leben lang!…
Wie dieser Docht, der trüb verblinkt
Und schwalgend durch das Zimmer stinkt,
Sollst du verglimmen und verglühn,
Daß möge ein Geschlecht erblühn,
Von einem neuen Licht genährt,
Von einem neuen Geist verklärt,
Verkümmert nicht bis in den Tod…
Wie wird mir! Wirf das Fenster auf!
Unseliger…
Das Morgenroth!

Amselrufe, Zürich 1890, S. 2-5. Online