Natur

Natur

Natur, allheil’ge,
Heilende Göttin,
An deinen vollen,
Nährenden Brüsten
Lieg ich Und schlürfe
Milch des Lebens.
Aus deinem Munde
Geht des Windes
Wunderathem
Und löscht mit schnell
Vergang’nen Wetters
Feuchtem Hauch
Der Wangen stürmisch
Aus Herzenstiefen
Steigende Hochgluth.
Deiner Locken
Grüne Fluthen
Wogen rauschend
Ueber mir,
Und nieder schaut
Dein blaues, klares,
Glänzendes Auge,
Wonnig lächelnd.
O, Liebesschauer
Der Weseneinheit,
Verschlung’nes Weben
Des Weltenall’s
Ich seh’ es fluthen
Jn ew’gen Strome,
Ich seh’ es wachsen
Zu ew’gem Bau.
Such ich die Quelle,
So sprüht ein Nebel
Und hüllt den Blick mir,
Und wo begründet
Des Hauses Pfeiler,
Die Räthselstelle
Ich fand sie nicht.
Und dennoch bet’ ich
Voll süßen Grauens
Zu deiner Hoheit,
Mutter Natur
Und schlürfe durstend
An deinen vollen,
Nährenden Brüsten
Milch des Lebens.

Poetisches Skizzenbuch, Minden i. Westf. 1885, S. 4-5. Online