Sechseläuten

Sechseläuten

Heut’ haben sie den Winter verbrannt;
In höllischen Flammen stand
Der Tannzweighügel. Funken flogen
Rosasprühend. Rauchwolken zogen
Schmutzgrau aufwirbelnd. Hoch auf der Stangen
Die Puppen wollten nicht Feuer fangen.
Aber jetzt ein Knall. Leuchtkugeln stiegen;
Die Puppen huben an, sich zu wiegen;
Von Gluth gekrümmt und gefoltert,
Nickten sie stumm sich zu –
Lichterloh sind sie heruntergepoltert
Und verkohlt im Nu.
Um das Freudenfeuer im Kreise
Zogen die Zünfte nach Ahnen Weise,
Zwar heut’ Alles nur Spiel und Schein,
Muß doch jährlich gezunftet sein.
Meist recht feine, auskömmliche Herr’n,
Die da mit Zange und Knieriem’ marschirten,
Unter dem blauen Vergnügungsstern
Sich gewerkschaftlich amüsirten.
Käseblaß Schneiderlein neben mir,
Eben mit Frau und Kind noch gekommen,
Lächelte trüb ob der sauberen Zier
Dieser seligen Innungsfrommen.
Und die “Schneider” schwangen die Scheeren,
Tanzten wie Ziegenböcke vorbei,
Und den Amboß, den zentnerschweren,
Schleppten der stattlichen “Schmiede” drei.
“Bäcker” in mehlweißen Schürzen
Schulternd mit Bretzeln und Brod,
“Kaufherr’n” mit Saffran und Würzen
Schlugen den Winter feierlich todt.
“Wenn ich an meinem Amboß steh’
Und hämm’re lustig drein” –
Roth wehte der Flammberg in die Höh’,
Becken und Pauken schmetterten ein.
Und das bummelnde Publikum
Lumpte in schwarzen Massen herum.
Mädchenaugen noch einmal so keck,
Verliebten Mäusen der wahre Speck.
Freche Blicke noch einmal so frech,
Klebt doch Mancher so gern am Pech.
Ach! am Bäumchen zu meiner Seiten
Lehnten zwei Schwestern – Halleluja!
Da soll Einen der Teufel nicht reiten –
Nektar und Ambrosia!
Frische Pfirsiche unberührt,
Hatten den Gärtner noch nicht gespürt.
Edle, auserlesene Art,
Für die köstlichste Tafel gespart.
Aeste prasselten laut zusammen,
Grünlich ringelten sich die Flammen.
Zu der fröhlichen Frühlingsmette,
Schimmerte hell die Alpenkette…
Lenzfrohes Lachen… Teterete!
Bekränzte Nachen tanzten im See…

Und die Züricher kackfidel
Spritzten in’s Feuer der Freuden Oel.
Während der Mond aus blauen Fernen
Silberglanz auf die Thürme goß,
Zogen die Zünfte mit Buntlaternen
Einzeln herum zu Fuß und zu Roß.
Immer von einem Zunfthaus zum andern
Mit Musik marschirend im Schritte,
Kommen und Holen, Reden und Wandern,
Grüßen, Zutrinken nach alter Sitte.
Freudenhäuser von vorn bis zuletzt
Krabbeldicht alle Löcher besetzt.
Vier Polizisten leibwachten einen
Epileptischen Trunkenbold,
Kläglich fing der Mensch an zu weinen,
Daß er mit auf die Wache sollt’.
Aus allen Schenken Klaviergeklimper:
“Ach, ich hab’ sie ja nur auf die Schulter geküßt!”
Harmonikaquieken, Guitarrengestümper…
Die Häuser rings pudelnaß gepißt.
Juchzer knatterten wie Raketen
Durch die ganze geschlagene Nacht,
Und von Trommeln und Trompeten
Bin ich am Morgen noch aufgewacht. – – – – –
“Abschiedsworte an die Genossen”
Nahm zerknittert ich in die Hand,
Der Empörung Thränen schossen:
Uralte Fichten der Freiheit verbrannt!
Thurmhoch sah ich die Flammen wogen,
Pöbel brüllte die Litanei,
Neblige “Zünfte” tanzten und zogen,
Pupurnen Morgenträumen vorbei.

Diorama, Verlags-Magazin (J. Schabelitz), Zürich 1890, S. 102-104. Online