Springbrunn

1890

Das ist ein lustiger Springbrunn
Im Mittagssonnenglanz,
Blitzende Tropfen tanzen
Den silbernen Sonnentanz.

Viel feuchte, leuchtende Funken –
Das schimmert und rieselt und glüht –
Der speienden Löwenhäupter
Gerunzelte Stirne sprüht.

Die Lindenblätter sich neigen
Und fangen den spritzenden Thau.
Am Becken kühlt und erquickt sich
Die ärmste Taglöhnerfrau.

1898

Das ist ein lustiger Springbrunn
Im Mittagssonnenglanz,
Glitzernde Tropfen tanzen
Den silbernen Sonnentanz.

Viel feuchte, leuchtende Funken –
Das schimmert und rieselt und glüht –
Der speienden Löwenhäupter
Gerunzelte Stirne sprüht.

Die Lindenblätter sich neigen
Und fangen den spritzenden Thau.
Am Becken kühlt und erquickt sich
Die ärmste Taglöhnerfrau.

1903

Das ist ein lustiger Springbrunn
im Mittagssonnenglanz,
glitzernde Tropfen tanzen
Den silbernen Sonnentanz.

Viel feuchte, leuchtende Funken –
das schimmert und rieselt und glüht –
der speienden Löwenhäupter
gerunzelte Stirne sprüht.

Die Lindenblätter sich neigen
und fangen den spritzenden Tau.
Am Becken kühlt und erquickt sich
die ärmste Taglöhnerfrau.

1890

Das ist ein lustiger Springbrunn
im Mittagssonnenglanz,
glitzernde Tropfen tanzen
Den silbernen Sonnentanz.

Viel feuchte, leuchtende Funken –
das schimmert und rieselt und glüht –
der speienden Löwenhäupter
gerunzelte Stirne sprüht.

Die Lindenblätter sich neigen
und fangen den spritzenden Tau.
Am Becken kühlt und erquickt sich
die müde Taglöhnerfrau.

Diorama, Zürich 1890, S. 244. Online
Gedichte, Zürich und Leipzig 1898, S. 254-255. Online
Mein Liederbuch. Ausgewählte Gedichte I, S. 83, Leipzig und Berlin 1903, Online
Gesammelte Werke. Erster Band: Buch des Lebens, München 1921, S. 25.

In den Gesammelten Werken hat Karl Henckell das Gedicht Springbrunn der „Abteilung“ Züricher Bilder zugeordnet. Dort ist es das erste Gedicht einer Reihe von Gedichten, deren Anzahl jedoch unklar ist, da kein weiterer Zwischentitel die folgenden, nicht mehr dazugehörenden Gedichte davon trennt. Ob Henckell ein bestehenden Springbrunnen meint oder das Gedicht nachträglich dem Themenkreis zugeordnet hat, ist ebenfalls unklar. Wahrscheinlich gab es um 1890 nur den Springbrunnen in der Anlage auf dem Platzspitz, wo 1883 die Landesausstellung stattgefunden hat. Wie lange er bestanden hat, ist nicht bekannt. Jedoch spätestens 1897 dürfte er beim Bau des Landesmuseums entfernt worden sein. Die „speienden Löwenhäupter“ scheinen zwar auf einen Brunnen in Zürich anzuspielen, zwingend ist das jedoch nicht. Und sass sich eine Taglöhnerin am Brunnen erfrischte, mag Henckell zwar beobachtet haben, durchaus möglich ist es aber auch, dass es sich um eine Idealisierung handelt. So scheint Henckell einerseits das Gedicht örtlich und gewissermassen personell konkret zu verankern und gibt ihm damit eine politische Bedeutung, bleibt andererseits aber vage und unverbindlich.