Strike

Strike

Ich fühle ein Zittern,
Wie glüht meine Seele!
Meine Nerven gewittern
Wie wenn der Blitz in die Sturmnacht zuckt.
In Gelsenkirchen,
Im rothen Rheinland,
Streiken die Grubenleute
Und ist ein gewaltiges Wesen im Gange.
Man hat den Männern
Das Licht hoch angerechnet,
Das Sterbelämpchen der Frohnfinsterniß;
Man hat genullt
Und vom niedrigen Lohne gestrichen
Alle die Wagen,
Drin wie Kies in Gold
Steine zwischen die Kohlen
Spärlich geschlagen,
Drin die Stücke einmal zu klein geschlagen.
Und die man den Arbeitshunden gestohlen,
Hat nach dreien Tagen
Man ihnen wieder seilgespreizt
Mit Tigertatze
Zum höchsten Satze —
Aechzend den genullten Sack
Durfte das Pack
Nun selber theuer nach Haus sich tragen;
Und mit sinkenden Hungerlöhnen
Bei steigenden Nahrungspreisen
Wollte man sie gewöhnen,
Zur Ueberschicht in die Höhlen zu reisen.
Um zu leben,
Haben sie sich den Geldsäcken ergeben,
Verbrannt die Kohlen des eigenen Seins.
Nimmer, nimmer wurden
Sie des traurigen Lebens froh,
Steinkohlengüter für die zu hauen, zu heben,
Die Schaumgluth saugen aus Champagnerreben
Und Kohlensäure aus den Vollen
Toastesprudelnden Stollen
Der nationalstolzschwängernden Veuve Cliquot.
Die menschlichen Arbeitsthiere
Trugen ihr freies Vertragsglück
Mit wildem Weh,
Die göttlichen Börsenpapiere
Schlugen, ein Freiherrenwagstück,
In wilde Höh’.
Die Bäuche zu milliardisiren,
Wurden die Muskeln genullt,
Da zerriß den armen Thieren
Das Strick der Geduld…

***

Und hauen nicht mehr
Und schleppen nicht mehr
Und treiben nicht mehr,
Und die Wagen stehen kohlenleer.
In Kesselräumen spazieren umher
Die Inspizienten sohlenschwer.
Der Rotte mehr Lohn nnd feste Schicht?
Erst Unterwerfung! Dann vielleicht
Sind wir geneigt,
Das zu bewilligen, was uns entspricht.
Unterwerfen? Sklaven, Leibeigene und Hörige
Unterwarfen scheu sich dem Herrengesicht.
Der Arbeiter von neunundachtzig
Stirbt, aber unterwirft sich nicht…
Meine Seele jauchzt,
Meine Saiten klingen,
Wie wenn der Orkan durch Harfen braust.

***

Todesschrei
In das Ohr mir gellt.
Meinen Sinnen graust.
Kolbenschlag meine Lyra zerschellt.
Steine der Dichtung muß ich regnen
Rhythmisch in die verruchte Welt,
Den Proletarier sterbend segnen,
Der in die Brust getroffen fällt.
Kinder spritzen gerechten Hohn
Auf die anfrührende Garnison,
Auf die Silberschärpen voll Schrecken
Zwanzigjähriger Lieutenantsgecken.
“Kehrt! Chargirt! Gebt Feuer” schnarren
Die blutlungrigen Königsnarren.
“Lade, Canaille, dich selbst auf den Karren!
Laß deine faulen Knochen verscharren!
“Morgen-Premier” läßt sich heute nicht necken.”
Die Patrouille marschirt um die Ecken.
“Immer die Augen auf den Feind,
Leute!” Mutter Germania weint.
Röchelnd ihre Gebeine strecken
Vater, Bruder und Schwester aus.
Aus jahrhundertdicken Hecken
Mörder müssen die Freiheit wecken.

***

Selig vom Kasse der Braut,
Zitternder Ahnungen voll,
In die Nacht hinträumend
Schreitet heimwärts
Friedlich die einsame Straße fort
Der junge Bursch.
“Halt! Werda?!” Kolbenstöße
Wuchten ihm zwischen die Rippen.

Diorama, Zürich 1890, S. 22-35. Online