Trutznachtigall (Gedicht)

Trutznachtigall

Mein Lied ist kurz, mein Lied ist knapp,
Ich reite keinen Hundetrab.
Mit scharfen Sporen flott ans Ziel,
Das ist der neue Dichterstil.
Nicht athemlos, nur Schneid im Takt,
Das packt.

Das liebt der Menschheit tapfrer Geist,
Was vorwärts wogt, was vorwärts reißt.
Die Weltwehchwalbe klagt so müd,
Weltwonnenachtigall erglüht.
Schwillt Lebensliebe breit die Brust,
O Lust!

Wo jähes Elend Lust zerstört,
Schmettr’ ich und schluchz’ ich qualempört,
Wo feige Dummheit Freude knickt,
Flöt’ ich mein Wecklied spottgespickt.
Der Schönheit rollt mein Klang zu Schutz
Und Trutz.

Wo Einer wund von Kampf und Pein,
Trostnachtigall, da tröste fein!
Frisch wie der Thau gen Morgen quillt,
O spende Balsam rein und mild!
Wirf Perlen in der Menschheit Schooß,
Schlag los!

Trutznachtigall, Stuttgart 1891, S. 5-6. Online