Venetianische Nacht auf dem Zürichsee

1890

Venetianische Nacht auf dem Zürichsee

Die Lampions gaukeln auf dem See,
Laut zischen nach unten die sprühenden Garben,
Das Glühlicht scheint wie Mondesschnee,
Hellt weit die Fluth vom hohen Quai,
Bengalisch leuchten und lischen,
die bunten, die glühenden Farben.
Die Königin der Gondeln naht
Langsam auf stolzem Spiegelpfad.
Der Buntlaternen zaub’risch Thor
Spitzt diademisch sich empor.
Darunter spielt die Stadtmusik
Ein südlich Barkarolenstück.
Leuchtkugeln steigen und neigen
Ihr schön verscheidendes Haupt,
Brandfrösche knattern im Reigen,
Das Feuerrad schwirrt und schnaubt.
Vom Uetliberg aufschimmert’s hell,
Mit Blenden grüßt das Kulmhotel.
Mattblinkend winken Mond und Sterne
Aus meeresdunkelblauer Ferne.
Das ganze Ufer schwarzgedrängt
Staunt in das rothblaugrüne Spiel,
Die Fahne des Vergnügens schwenkt
Der Neugier hungrig Krokodil.
Verliebte Leute, Bräute, Greise
Genießen laue Luft und Licht,
Der eine jauchzt, der freut sich leise,
Der Dichter schaukelt sein Gedicht.
Er ist so farbenlustberauscht,
Er schaut mit warmer Lust und lauscht,
Wie all’ die kleinen Lichter hüpfen,
Leuchtschlangen durcheinander schlüpfen,
Wie nach dem Takt der Melodie’n
Sie tanzen, kreisen, suchen, flieh’n.
Die schwarzen Zuschauer, die flimmernden Nachen,
Er sieht sie mit Trauer, er sieht sie mit Lachen –
Sie spingen empor bei japanischem Licht,
Geistesleuchtkugeln goutiren sie nicht.
Aber sie haben doch Freude zum Schein…
Da schleift hochaufgedonnert pikfein
Starrblickende Hure vorüber,
Sie lockt nicht der wellengespiegelte Schein,
Fünf Franken wären ihr lieber.
Ihre Hechtaugen spähen nach Beute,
Ein günstiger Fangabend heute.
Und hinter ihr an der Tochter Arm
Tastet ein blinder Mann durch den Schwarm.
Die Raketen platzen in seinem Ohr,
Er träumt vom Lichte, das er verlor.
er träumt vom Pulver, mit er hantirt,
Salpeter und Schwefelblüthe
Wie knallend ihm das an den Kopf explodirt
Durch Gottes überschäumende Güte…

1890

Die Venezianische Nacht

Die Lampions gaukeln auf dem See,
Laut zischen nach unten die sprühenden Garben,
Das Glühlicht scheint wie Mondesschnee,
Hellt weit die Flut vom hohen Quai,
Bengalisch leuchten die Farben,
Bis matt sie im Dunkel erstarben.
Die Königin der Gondeln naht
Langsam auf stolzem Spiegelpfad.
Der Buntlaternen zauberisch Tor
Spitzt diademisch sich empor.
Darunter spielt die Stadtmusik
Ein südlich Barkarolenstück.
Leuchtkugeln steigen und neigen
Ihr schön verscheidendes Haupt,
Brandfrösche knattern im Reigen,
Das Feuerrad schwirrt und schnaubt.
Vom Ütliberg aufschimmert’s hell,
Mit Blenden grüßt das Kulmhotel.
Mattblinkend winken Mond und Sterne
Aus meeresdunkelblauer Ferne.
Das ganze Ufer schwarzgedrängt
Staunt in das rot-blau-grüne Spiel,
Die Fahne des Vergnügens schwenkt
Frau Neugier hoch am Vorderkiel.
Verliebte Leute, Bräute, Greise
Genießen laue Luft und Licht,
Der eine jauchzt, der summt was leise,
Der Dichter schaukelt sein Gedicht.
Er ist so farbenlustberauscht,
Er schaut in Wundertraum und lauscht,
Wie all die kleinen Lichter hüpfen,
Leuchtschlangen durcheinander schlüpfen,
Wie nach dem Takt der Melodien
Sie tanzen, kreisen, suchen, fliehn.
Die schwarzen Zuschauer, die flimmernden Nachen,
Er sieht sie mit Trauer, er sieht sie mit Lachen –
Das springt empor bei japanischem Licht,
Geistessprühfeuer bezaubert sie nicht.
Aber wir alle freun uns am Schein…
Da schleift hochaufgedonnert pikfein
Starrblickende Dirne vorüber,
Sie lockt nicht der wellengespiegelte Schein,
Zwanzig Fränkli wären ihr lieber.
Ihre Hechtaugen spähen nach Beute,
Ein günstiger Fangabend heute.
Und hinter ihr an der Tochter Arm
Tastet ein blinder Mann durch den Schwarm.
Die Raketen platzen in seinem Ohr,
Er träumt mit dem Auge, das er verlor.
Sein Töchterlein muß ihm berichten
Von den schönen, bunten Geschichten.

Diorama, Zürich 1890, S. 223-225. Online
Gesammelte Werke. Erster Band: Buch des Lebens, München 1921, S. 30-32.