"Geistesruf"

Das Gedicht "Geistesruf" von Karl Henckell bildet den Prolog zur Eröffnungsfeier des Internationalen Freidenker-Kongresses in München. Die Reklamemarke zum Kongress wurd von Fidus gestaltet.

Der Kongress, der erstmals in Deutschland stattfand, dauerte vom 31. August bis 4. September 1912 (vgl. O. K., "Internat. Freidenkerkongress", in: Freidenker, 5. Jahrg., Oktober 1912, Nr. 10, S. 75.).

Geistesruf

Horch! Im Gewirr der unversöhnten Chöre,
Dem Schall der Welt, die lärmend mich umkreist,
Ist mir, wie wenn ich eine Stimme höre,
Die mich durchzuckt. So wirkt ein mächt’ger Geist.
Der Ruf gilt mir. Weh jedem, der ihn störe!
Ich weiß nicht, was du bist und wie du heißt:
Entringst du dich dem Urgrund der Gefühle?
Bist du mein Lebenswort im Zeitgewühle?

"Dein Dämon bin ich. Keiner, der berücke.
Wie du mich suchst, so werd’ ich offenbar.
Ich locke dich mit keinem Jenseitsglücke,
Das nicht in deinem Blut und Wesen wahr.
Hängst du am Wahn? Bedarf dein Wuchs der Krücke?
Scheust du den Schritt auf eigene Gefahr?
O nein, du hast dem fremden Gängelbande
Dich selbst entwunden, bis zum Todesrande."

Du meines Lebens Licht und höchste Stimme,
Zu dir bekenn’ ich mich in Lust und Qual;
Du gibst mir Mut und ohne Krücke klimme Gefaßt ich aufwärts aus dem trüben Tal,
Und wenn ich über das Idol ergrimme,
So grüßt mich sternenmild der Sehnsucht Strahl,
Dem Weg voran, den freie Wandrer ziehen,
Die nicht vor toten Wunderzeichen knieen.

»Zn lange, Mensch, hast du in Lohn und Frohne Dem Gott gedient, der dein Geschöpf und Bild, Jn Furcht und Hoffnung nahteft du dem Throne, Den einst du tiirmtest in das Luftgefild, Wo sich unendlich spannt die Siernenzone Und Licht aus Nebelfchleiern quillt, Da vor den Himmel zogst du Gitterwände Und fchiirtest tief im Erdschloß Höllenbrände.«

Genug, mein Geist, von abgestreisten Banden,
In denen Trägheit, ach noch Viele hält!
Sie haben die Propheten nicht verstanden
Und meist zum Fetisch das Symbol entstellt.
Den echten Wein aus wahren Lebenslanden,
Sie haben ihn verdorben und vergällt,
Woran die Gottkraft nimmermehr beteiligt,
Die hohle Formel haben sie geheiligt.

"Getrost! Auch ihnen kann der Tag erscheinen,
Wo der Erkenntnis Funke sie berührt.
Euch aber muß, die Sehenden, vereinen
Ein glühend Streben, das zur Freiheit führt.
Der Sinn der neuen Menschheit sucht die Seinen,
Daß sie sich sammeln, wenn der Kampf sie kürt.
Von zäher Herrschsucht schmählich aufgezwungen
, Die töten möchte, was dem Licht entsprungen."

Geist, der mich rief und den ich nicht verrate,

Der Satzung feigeiu Vorteilsfliistern taub,

Geist, so verhaßt den Wächtern im Ornate,

Die dir gebieten wollen: ,,Schweig und glaubt«

Verdächtigt von den schlauen Herrn im Staate,

Die sich vor Rom verbeugen in den Staub —- Der du fürwahr nicht Huld noch Gunst verschwendest, Gesegnet sei, daß du uns Segen spendestl

»So sei der lebensvollen Denker Wille

Zur edlen Wahrheit Vorbild deinem Mut!

Er stähle dich in schöpferischer Stille,

Er trage stark dich durch die Lebensflut!

Daß Geist, Gefühl und Tat zusammenquille

Und deine Sehnsucht in der Einheit ruht, Die reingestimmt du, Künstler Mensch, gestaltest, Wenn du zur Freiheit das Gesetz entfaltest.«

Wie schön erblüht Vernunft zum Ideale,
Wenn sie ein tiefer Dämon hold verklärt!
Gleich einem Festtrank aus kristallner Schale
Schäumt auf der Wein, darin Begeistrung gährt.
Doch bleibe fern der Feier das Banale,
Das, gläubig oder gottlos ewig währt —
Und wie ein Hauch aus hohen Dunkelheiten
Mag durch die Herzen das Geheimnis gleiten.

Erschienen in: Freidenker, 5. Jahrg., Oktober 1912, Nr. 10, S. 77. Online