Jacoby-Blatt der "Sonnenblumen"

Die Nr. 14 des 2. Jahrgangs der Sonnenblumen ist Leopold Jacoby gewidmet ebenso der beigelegte Anzeiger. Dieser enthält den Text "Eine Schulerinnerung", eine Würdigung von Jacoby sowie das Gedicht "Der tote Dichter".

Der tote Dichter /*)

Er lag im off'nen Sarge,
Und die verstummte Lippe sprach:
"Mein Leben lieh, das karge,
Mir Leid zum Lohn; feind war ich aller Schmach.
Ich gab nicht preis mein Lied und Wort,
Die Zunge wäre mir verdorrt,
Der Freiheit blieb ich treugesinnt,
Mir träumt, ich war ihr liebstes Kind."
Sprach die verstummte Lippe
Aus off'nem Sarg hervor –
Ueber den Friedhof der Frostwind fuhr,
Sein dunkles Grablied sang der Chor.

Die ersten Schollen deckten
Des toten Dichters schmales Haus;
Mir war drei Flammen reckten
Sich ätherzüngelnd aus der Gruft heraus.
Die rote sprühte Wahrheitsmut,
Schönheit blüht auf in blauer Glut,
in großer, weißer Flamme stieg
Der Glaube an des Edlen Sieg. –
Die ersten Schollen deckten
Des todten Dichters schmales Haus...
Mir war, drei Flammen leckten
Und reckten züngelnd sich zur Gruft heraus.
Die rothe sprühte Freiheitsmut,
Schönheit blüht' auf in blauer Glut,
In großer, weißer Flamme stieg
Der Glaube an der Menschheit Sieg.
Die ersten Schollen deckten
Des todten Dichters Haus...
Zwei treue Augen sah ich glänzen,
Die Flammen küßten sich und loschen aus.

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Anzeiger (Beilage der Sonnenblumen), 2. Jahrg., 1896/97, Nr. 14.
Gedichte, Zürich 1898, S. 475-476. Online: Der todte Dichter.
Gesammelte Werke. Vierter Band: Buch der Kunst, München 1921, S. 64-65.