"Lockspitzellied"

In der Züricher Post, die Jakob Schabelitz in seinem Verlag herausgibt, erscheint Karl Henckells Gedicht Lockspitzellied.

Lockspitzellied

Dreitausend Mark, heidi, per Jahr
Von Seiner Exzellenz –
Wie schirmt der Himmel wunderbar
Lockspitzels Existenz! Kein Gentleman, kein Gentleman,
Als wär das ein Malheur,
So bin ich denn und bleib' ich denn
Agent provocateur.

Spitz, spitz: die Ohren aufgeknöpft!
Horch, horch nach links und rechts!
Bum, bum! "Und alles wird geköpft
Tyrannischen Geschlechts!"
Fällt mir dann so ein Tölpel 'rein
Und brüllt: "Den Teufel – ja!"
Das muß ein Anarchiste sein,
Ein Anarchist, hurra!

Ich bin ein Werkzeug der Gewalt
Von Gottes Gnaden nur,
Ein unentbehrlich Rädchen halt
In der Regierungsuhr.
Spitz, spitz, horch, horch! Kein Gentleman,
Als wär das ein Malheur.
So bin ich denn und bleib' ich denn
Agent provocateur.

"Genosse, prost!" Begleite ihn,
Schüttl' ihm als Freund die Hand
Und melde schleunigst nach Berlin:
"Ein frischer Fisch – brillant!"
Aus deutschem Reichsfonds stell' ich flugs
Das süße Mordsblatt her,
Die "Freiheit" – kolossaler Jux!
Ex'lenz, was willst du mehr?

Ach, als ich noch kein Spitzel war,
Welch kreuzerbärmlich Los!
Dreitausend Reichsmark jedes Jahr,
Das macht sich ganz famos.
Mitunter puppert's mir von fern:
"Du Schuft!" Herrje, ich bin
Ein treuer Diener meines Herrn –
Und schlag' mir's aus dem Sinn.

Züricher Post, 2. Februar 1888.
Gesammelte Werke. Band 2: Buch des Kampfes, München 1921, S. 58-60.