Thorenlied

1888

Thorenlied

Ich bin der Herr von Unverstand,
Im Lande Wahn geboren,
Durch Mangel an Vernunft bekannt,
Ich bin der Thor der Thoren.
Ich kann in der verständ’gen Weit
Vernünftigkeit nicht taugen,
Ich bin ein großer Träumerheld
Mit off’nen Kinderaugen.

Ein wunderbarer Schleier hängt
Auf meiner Netzhaut nieder,
Im Herzen sich gebiert und drängt
Ein Quell geheimer Lieder.
Ein jeder Schmerz mir Bruder ist
Und Schwester jede Freude,
Denn meine liebe Mutter, wißt,
Heißt Herzelust und -leide.

Mein träumend Auge Wahrheit trinkt
Aus unbekannten Quellen,
Und jeder Flittertand versinkt
In ihren schnellen Wellen.
Mitleidig seh ich Sturm und Streit
Bethörter Menschensippen,
Ein Lächeln aller Eitelkeit
Umkränselt meine Lippen.

Ich trage einen großen Hut
Mit einem breiten Rande,
Mein Antlitz wärmt verstohl’ne Glut
Nach süßer Kontrebande.
Jüngst hab’ ich eines Engels Hand
Zum Preis mir auserkoren —
Ich bin der Herr von Unverstand,
Ich bin der Thor der Thoren.

1890

Thorenlied

Ich bin der Herr von Unverstand,
Im Lande Wahn geboren,
Durch Mangel an Vernunft bekannt,
Ich bin der Thor der Thoren.
Ich kann in der verständ’gen Weit
Vernünftigkeit nicht taugen,
Ich bin ein großer Träumerheld
Mit off’nen Kinderaugen.

Ein wunderbarer Schleier hängt
Auf meiner Netzhaut nieder,
Im Herzen sich gebiert und drängt
Ein Quell geheimer Lieder.
Ein jeder Schmerz mir Bruder ist
Und Schwester jede Freude,
Denn meine liebe Mutter, wißt,
Heißt Herzelust und -leide.

Mein träumend Auge Wahrheit trinkt
Aus unbekannten Quellen,
Und jeder Flittertand versinkt
In ihren schnellen Wellen.
Mitleidig seh’ ich Sturm und Streit
Bethörter Menschensippen,
Ein Lächeln aller Eitelkeit
Umkränselt meine Lippen.

Ich trage einen großen Hut
Mit einem breiten Rande,
Mein Antlitz wärmt verstohl’ne Glut
Nach süßer Kontrebande.
Jüngst hab’ ich eines Engels Hand
Zum Preis mir auserkoren —
Ich bin der Herr von Unverstand,
Ich bin der Thor der Thoren.

Amselrufe. Neue Strophen, Zürich 1888. S. 10-11. Online
Amselrufe, Zürich 1890, S. 10-11. Online