Tod Gertrud Pfander

Getrud Pfander stirbt in Davos.

Beim Tode einer jungen Dichterin
(Gertrud Pfander)

Warum so früh bist Du dahingegangen
In jene Stadt, draus keine Wiederkehr,
Davor die Schleier undruchdringlich hangen?

Du lässest einen Thron der Schönheit leer
Aus schneeig blutgeädertem Gesteine.
Zart wie dein Lied und wie dein Leid so schwer.

Ich aber seh' dich noch im späten Scheine
Des Herbstes sitzen auf dem Marmorthron,
Dein Auge groß gerichtet auf das meine.

Und eine dunkle Flamme fühl' ich lohn
In diesem Blick, geschürt von Krankheitsqualen,
Aufleuchtend schmerzlich im Erlöschen schon.

Und Weinlaubröten wechseln mit den fahlen
Novembernebelfarben kurz und jäh,
Darüber deines Himmels Sterne strahlen.

Wie auf den Grund ich deiner Seele späh',
Seh' ich Verzweiflung mit der Sehnsucht ringen,
Und keine Rettung winkt in Fern' und Näh'.

Da stirbt dein Schrei: du lauschst dem Engelsingen,
Der Schicksalsfluch verklärt sich zum Choral,
Und wie die Saiten deiner Brust zerspringen,
Beut dir dein Lebensfürst den heiligen Gral.

Hundert Gedichte. Auswahl des Verfassers. Mit einer Selbstbiographie des Dichters von Karl Henckell, Leipzig 1914, S. 98-99.
Gesammelte Werke. Vierter Band: Buch der Kunst, München 1921, S. 76-77.